Stellvertretend für andere Würdigungen stehe hier ein Text von
Luzia Sutter Rehmann:
Theologin, Poetin und Mystikerin:
Versuch einer Würdigung von Dorothee Sölle
Fragen können:
Fragen können: nach Gott fragen, Neugier wecken, Interesse für ein uraltes, eigentlich abgeschabtes Thema wie Bibel, Gott, Theologie aufbringen – sie hat mich fragen gelehrt, meine Fragen zugelassen, sie mit Tiefe verbunden, die ich nicht in ihnen geahnt hätte, die aber offenbar drinsteckte in diesem ungeschickten Tasten in Richtung Heiliges, Gott, Leben.
In der akademischen Welt war es sie, Dorothee Sölle, die nach Allem fragte, poetisch, politisch, pragmatisch: Wozu? Warum? Und dann? Nicht nur mir, sondern ganzen Scharen von Frauen und Männern hat sie das Fragen gelehrt, das zum Denken führt, zum Aussprechen dessen, was jetzt wichtig ist.
Jetzt, liebe Dorothee, ist es wichtig, auszusprechen, welch grosse Theologin Du warst für uns hier, im mittleren Westen Europas, die wir nach Brot suchten in den Mauern der Kirche, nach klärendem Sinn im akademischen Betrieb der Universitäten. Auch für die, die eigentlich gar nicht so sehr suchten, hattest Du Bilder und Geschichten zu verteilen. Du griffst in Deine Rocktasche und holtest freigebig, doch sorgfältig eine Erfahrung heraus. Als ob Du sie vom Staub des Übersehens reinigen könntest, so poliertest Du sie mit Fragen, prüftest Du sie nach ihrem Gewicht in Deiner kleinen, leichten Hand und zeigtest, was sich mit ihr machen lässt: In jeder Erfahrung steckt etwas vom Ganzen darin, etwas, das entdeckt werden will, das uns mit dem Lebendigen verbindet. Diesen Prozess des Untersuchens, Abtastens, des geduldigen Wiederkäuens und des ungeduldigen Sehnens nach mehr, nach allem, was da sein könnte, verbinde ich seit Dir mit Theologie. Vielleicht wäre dieser Prozess mit allen anderen Fächern, Themen, Fragen gleichermassen spannend. Aber dank Dir gehört er zur Theologie.
"Wie gehen wir so mit unseren Schmerzen um, dass sie uns nicht wie sinnlose Nierensteine peinigen, sondern als Wehen das neue Sein vorbereiten? Wie sähe eine Theologie des Schmerzes aus, die sich nicht an der Theodizeefrage abrackert und fragt: Wie kann der grosse und allgütige Gott es zulassen, dass guten Leuten böse Dinge zustossen? Wir brauchen eine andere Theologie des Schmerzes, die endlich die Frage verweiblicht, so dass sie unseren Schmerz zum Schmerz Gottes in Beziehung setzt. Sie wird dann heissen: Wie wird unser Schmerz zum Schmerz Gottes?" (Gegenwind, Erinnerungen. Hamburg 1995, 156)

Stationen:
Dorothee Nipperdey wurde am 30.9.1029 in Köln geboren. Sie heiratete den Maler Dieterich Sölle, in zweiter Ehe den Theologen Fulbert Steffensky. Sie studierte erst Philosophie und alte Sprachen, dann wechselte sie zu evangelischer Theologie. Alle drei Gebiete blieben immer ihre Felder, auf denen sie scharfsinnig, systematisch, kritisch und wortgewandt, sprachsüchtig sich tummelte. Sie wurde Lehrerin an einem Mädchengymnasium und allmählich Mutter von vier Kindern. An den Universitäten Deutschlands war sie Assistentin (Aachen), Lehrbeauftragte (Mainz), Gastprofessorin (Kassel, Basel) und schliesslich Ehrenprofessorin (Hamburg). Doch fehlen in ihrer Karriere die "hehren" Namen von theologischen Hochburgen, sowie die Berufung auf einen ordentlichen Lehrstuhl. Ihr politisches und ungewohntes Denken wurde immer wieder anstössig genannt. Sie blieb als Querdenkerin, (Gottes-)Streiterin, Ungehorsame heimatlos und leider damit auch nicht in der Lage, Doktorandinnen auszubilden. Ehre erhielt sie im Ausland als Professorin für Systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York (1975-1987), als Ehrendoktorin der Faculté Protestante in Paris (1977), als Ridder van Sint Joris in Brüssel (1990). Doch gilt sie als die meistgelesene Theologin des 20. Jh.

Politik und Poesie:
Ihr Denken nahm seinen Ausgangspunkt immer wieder an konkreten gesellschaftspolitischen Aufgaben: Aus dem Protest gegen den Vietnamkrieg der USA wurde das liturgische "Politische Nachtgebet" geboren, das sie mitten in die Diskussionen einführte und öffentlich "berüchtigt" machte (1968). Aus dem Widerstand der Friedensbewegung gegen die Nachrüstung und das Gleichgewicht des Schreckens schöpfte sie ihre Visionen des Lebens in einer anderen, gerechten, kriegslosen Welt. Sie demonstrierte nicht nur mit gegen die AKWs und die atomaren Endlagerstätten, sondern entwickelte eine Ethik, die auf "Lieben und Arbeiten" (1983) basiert. Aus ihren Reisen nach Süd- und Mittelamerika brachte sie einen Schatz voller Beobachtungen mit, die sie in Geschichten weitergab (Gott im Müll 1992).
Durch ihre regelmässigen Aufenthalte in New York entdeckte sie schon früh die schwarze Theologie und die feministischen Theologinnen Carter Heyward , Beverly Harrison und die womanistische Theologin Delores Williams wurden ihr gute Freundinnen.
Vielleicht hätte sie als Professorin an einer deutschen Universität nie soviel Bewegung und Begeisterung aufnehmen können wie als "Wanderprophetin". Doch sie hätte eine Schar Forscherinnen ausbilden können, sie hätte Projekte auf die Beine gestellt, Netze geknüpft – auch das kann bewegen und begeistern und anstecken. Jedenfalls nahm sie sich immer mehr die Freiheit, die sie mit ihrer Heimatlosigkeit auch hatte. Sie wurde keineswegs mutlos, sondern arbeitete an einer anderen Sprache, einer Theo-poesie, die in dem Wissenschaftsbetrieb theologischer Fakultäten unbekannt war – doch eigentlich dringend benötigt wird, um von dem zu sprechen, was sich nicht fassen, nicht begreifen, nicht definieren lässt und uns zutiefst berührt. Ihr wunderschönes Buch über Literatur und Theologie beginnt mit den Worten: "Theologie und Aesthetik haben mehr gemeinsam, als es rein literarisch Interessierten oft scheinen mag. Sie teilen bestimmte unbeantwortete Fragen, Ängste und grosse Wünsche miteinander. Sie sterben möglicherweise an denselben Krankheiten. Jedenfalls scheint mir das Verschwinden der Poesie aus unseren Tageszeitungen mit dem Verschwinden des Sonntags aus unserer Lebenswelt zusammenzuhängen." (Das Eis der Seele spalten 1996).

Poesie und Gebet nannte sie Versuche, so zu reden, dass die Trennungen von öffentlich und privat, von aussen und innen sich tatsächlich erübrigen. Für Sölle war Dichten nicht nur ein Trachten nach dem Schönen, sondern immer auch ein politisches Sprechen: ein Öffentlichmachen dessen, was da ist, was lähmt oder beglückt, aber kaum in Sprache gefasst werden kann. "Ich brauche die Sprache der Poesie und des Gebets und die der Bibel. ...um etwas Licht auf einen dunklen und verworrenen Kontext zu werfen." Ihre lebenslange Freundschaft mit der Neutestamentlerin Luise Schottroff hat ihr geholfen, die Bibel immer wieder neu und noch genauer zu lesen.
Dorothee Sölle hatte ein mystisches Bild vom Tod. Sich auflösen in Gott, fallen in die weit geöffneten Arme Gottes, so stellte sie sich das Sterben vor. Sie wollte im Tod ein Tropfen im Meer der Liebe Gottes werden, das genüge ihr. Sie liebte das Meer und das Wasser über alles.
In einem ihrer berührendsten Bücher, Die Hinreise (1975), stellt Sölle ohne zu zögern fest: "Ist mit dem Tode alles aus? Ist eine gottlose Frage. Was ist denn dieses ‹alles› für dich? Du kannst deinen eigenen Tod nicht mit der Formel ‹dann ist alles aus› beschreiben, eben weil es zur Definition eines Christen gehört, dass er für sich selber nicht alles ist. Nein, es ist nicht alles aus, sondern es geht alles weiter. Was ich wollte, was ich mit anderen versucht habe, was ich angefangen habe und woran ich gescheitert bin – es geht weiter. Ich esse nicht mehr, aber es wird Brot gebacken und gegessen; ich trinke nichts mehr, aber der Wein der Brüderlichkeit wird weiter getrunken. Ich atme nicht mehr als dieser einzelne, diese Frau des 20. Jhr., aber die Luft wird dasein, für alle" (22).

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